Digital und nachhaltig sei die Zukunft des Handels, sagt man. Gleichzeitig bedeutet die Umstellung zu Datenökonomie, Blockchain-Technologie, Künstlicher Intelligenz (KI) und Quantencomputing auch einen erheblichen Strom- und Ressourcenverbrauch. Wie lässt sich dieser mit dem Vorhaben eines „klimagerechten Umbaus der Wirtschaft“, den die ökosoziale Koalition plant, vereinen? Ist die Idee einer nachhaltigen Digitalisierung nur die wörtliche Verknüpfung von trendigen Buzzwörtern oder lässt sich damit ein zukunftsfähiges Konzept umsetzen? Und welche Rolle spielt dabei KI?

Umweltsünder oder Umweltretter?

Künstliche Intelligenz – beim Buzzwortbingo der Digitalisierungsexpert:innen darf dieser Begriff im letzten Jahrzehnt nicht fehlen. KI – oder präziser ausgedrückt: maschinelles Lernen – wird als wirtschaftliche Revolution und branchenübergreifende Schlüsseltechnologie gefeiert. Dank der computergesteuerten Analyse von unvorstellbar großen Datenmengen könnten wir schon jetzt die Zukunft vorhersagen: schnell, passgenau und effizient.

Vor allem der Handel ist längst Spielwiese der Algorithmen. Sowohl der Online-Handel als auch der stationäre Handel befinden sich aufgrund ihrer Schnittstellenfunktion im komplizierten Beziehungsgeflecht zwischen Kund:innen, Hersteller:innen, Logistiker:innen und Plattformen. Um im Wettbewerb zu bestehen, gilt es, die Kundenbedürfnisse optimal zu erfassen und möglichst effizient und passgenau zu erfüllen – also die richtigen Entscheidungen zur idealen Einbindung der Akteur:innen zu treffen.

KI verbraucht enorm viel Strom und seltene Erden

KI-Systeme können hierbei hochkomplexe, mit großen Datenmengen verbundene Aufgaben in Echtzeit bearbeiten und eine den Anforderungen entsprechende optimale Lösung generieren. Dafür brauchen diese Systeme Rechenleistung und viel Strom. Rechenressourcen für deep learning wuchsen um den Faktor 300-000 zwischen 2012 und 2018. Zudem verbraucht KI enorme Mengen an Metallen wie Zinn und Platin sowie seltene Erden, die ökologische und soziale Probleme nach sich ziehen.

Gehen wir davon aus, dass KI bereits jetzt häufiger und stärker genutzt wird, fällt die Klimaprognose besorgniserregend aus: Laut Studie der University of Massachusetts Amherst emittiert das Training einer KI fünf Mal so viel CO2 wie ein Fahrzeug im gesamten Lebenszyklus. Die Gesamtnachfrage nach KI-Lösungen könnte den Stromverbrauch von Rechenzentren bis 2030 auf 20 Prozent des weltweiten Gesamtverbrauchs erhöhen. Dieser massive Verbrauch lässt sich teilweise aber auch auf die heutigen Prioritäten der Software Entwickler:innen zurückführen: Der Fokus liegt bisher auf größerer Genauigkeit der Anwendungen und nicht auf Ressourceneffizienz.

Künstliche Intelligenz spart Energie im Gebäudemanagement sowie der Abfall- und Kreislaufwirtschaft

Stärken wir hingegen das Bewusstsein für den ökologischen Einfluss und überprüfen wir den Einsatz von KI darauf hin, ist eine Eingrenzung der negativen Umwelteinflüsse möglich. Darüber hinaus können smarte Systeme sogar ein hohes Nachhaltigkeitspotential aufweisen. Über das klassische Beispiel der Energieeinsparungen beim Gebäudemanagement durch intelligente Mess- und Steuerungssysteme hinaus, kann KI in der Abfall- und Kreislaufwirtschaft, der Bedarfsplanung sowie der Sortimentsplanung eingesetzt werden, um Überproduktion zu vermeiden und nachhaltigen Konsum zu fördern.

Um den Umweltretter KI aber zu aktivieren, braucht es open Data Projekte zur Erhebung von Daten zu Stromnetzen, Passantenfrequenzen, Städten und Gebäuden, an denen die Anwendungen trainiert werden können. Es braucht Förderung für nachhaltige Innovationen außerhalb des Buzzwortbingos. Es braucht Austausch und übergreifende Zusammenarbeit von Forschung, Naturschutz, öffentlichen Einrichtungen und Tech-Unternehmen, um frühzeitig einen Nachhaltigkeits-Check zu ermöglichen. Und es braucht Strom - Strom aus erneuerbaren Energiequellen.

KI ist ein Hammer. Dieser Hammer kann zerstören oder ein Haus bauen. Es liegt an uns, ob wir aus KI einen Umweltsünder oder Umweltretter machen.            

 

Über die Autorin

Dara Kossok-Spieß leitet die Abteilung Netzpolitik und Digitalisierung beim Handelsverband Deutschland (HDE). Sie hat außerdem die Diversity Offensive des Handels gegründet.

Sie finden Sie auf Twitter unter: @dara_k_s.